Von Vík nach Kirjubæjarklaustur

Karte

Für manch einen sind die gut 70 km von Vík nach Kirjubæjarklaustur einfach nur langweilig - für mich stecken sie voller Geschichte und Geschichten. Man muss hinschauen, hinhören, nachlesen und auch spüren, um diese Landschaft aufnehmen zu können. Wer sich dafür nicht interessiert, der rast halt einfach durch und lässt sie unbeachtet hinter sich. Für den ziehen eben auf dem Weg von einem zum nächsten Gletscher Sand, Steine und ziemlich viel Moos vorbei.

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Þakgíl

Nur 5 km östlich von Vík, noch vor dem Hotel Katla, zweigt die Straße 214 nach Norden ab, die einen nach Þakgíl führt. Das Ziel dieser Reise ist einerseits der dort befindliche Campingplatz, andererseits eine Reihe von Wandermöglichkeiten. Eine Wanderkarte erhaltet ihr am Campingplatz, eine Übersicht dazu gibt es hier. Ich selber bin die Wanderung Richtung Mýrdalsjökull leider - mit zu wenig Zeit - erst einmal angewandert, möchte sie seit dem aber unbedingt erneut unternehmen. Allein die ca. 16 km Straße bis Þakgíl sind schön anzusehen und auch vor Ort ergeben sich tolle Ausblicke. Die Straße ist mit einem normalen PKW zu meistern, manchmal vielleicht eher langsam. Beim Zeltplatz angekommen, geht es ohne gescheiten 4x4 jedoch nur noch zu Fuß in die Höhe.

Weg nach Þakgíl Weg nach Þakgíl Weg nach Þakgíl
Blick auf das Camp Aussicht entlang des Weges Richtung Mýrdalsjökull Aussicht entlang des Weges Richtung Mýrdalsjökull

Ein wirklich lohnendes Ziel - wenn man die Zeit dazu hat. Falls ihr dort wandern möchtet, plant einen ganzen Tag ein und bleibt am besten über Nacht. Wer nur mal hinfahren und schauen möchte und dabei links und rechts des Weges schaut und fotostoppt, sollte zumindest 2 Stunden einplanen.

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Wenn die Ringstraße ein Loch hat

Es war Mitte Juli 2011, als die Ringstraße - mal wieder - aufhörte, ein geschlossener Ring zu sein. Ein Gletscherlauf unbekannter Ursache hatte die Brücke über den Múlakvísl mit sich gerissen, die Ringstraße war an entscheidender Stelle unterbrochen - und das mitten in der Hochsaison. Während man gespannt darauf wartete, ob dem Ausbruch des Eyjallajökull im Jahr 2010 nun tatsächlich der Ausbruch der Katla folgen würde, lag die Hürde des Alltags darin, das Loch so schnell wie möglich zu stopfen. Mit einem hochlandtauglichen Fahrzeug konnte man über das Hochland ausweichen, mit einem normalen PKW hatte man nur diese Straße, fuhr alternativ einmal in entgegengesetzter Richtung um die gesamte Insel.

unterbrochene Ringstraße bei Vík Fahrzeugtransport durch die Flussarme Bau der Ersatzbrücke

Mit einem enormen Aufwand wurden in diesen Tagen temporäre Mietwagenstationen am Rande des Hochlands errichtet, wurden Fahrzeuge und Menschen auf LKW durch die Flussarme transportiert (20 PKW pro Stunde waren möglich) und wurde mit Hochdruck an einer Ersatzbrücke gearbeitet. Nur eine Woche nach Entstehen des Lochs war die Ringstraße wieder freigegeben. Die Ersatzbrücke hatte am Ende länger Bestand als geplant, wurde erst 2014 durch einen Neubau an alter Stelle ersetzt. Wer sich Bilder aus dieser Zeit anschauen möchte, biegt nach dem Bergmassiv östlich von Vík, nachdem des Hotel Katla passiert wurde und noch vor der Brücke, Richtung Norden auf den kleinen Parkplatz ab.

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Hjörleifshöfði

Dieser Tuff-Berg, der einst bei einem submarinen Vulkanausbruch entstand und noch bis ins 14. Jahrhundert von Wasser umspült war, begegnet uns nicht nur direkt an der Ringstraße, sondern auch im Rahmen der Besiedlungsgeschichte Islands. Hjörleifur Hróðmarsson, der einst mit seinem Ziehbruder Ingólfur Arnarson ausgezogen war, auf der Insel zu siedeln, ließ sich auf diesem Berg nieder, wurde dort aber nach dem ersten Winter von seinen Sklaven getötet, die anschließend mit den gekidnappten Frauen und Kindern auf die heute nach ihnen benannten Westmännerinseln flohen, wo Ingólfur Arnarson sie wiederum aufspürte und seinerseits tötete.

Grabstelle / Gedenkstein auf Hjörleifshöfði Blick von Hjörleifshöfði Richtung Mýrdalsjökull Blick von Hjörleifshöfði Richtung entang des Mýrdalssandur Richtung Vík

Hjörleifshöfði war bis in 20. Jahrhundert hinein bewohnt und bewirtschaftet. Die Überreste lassen sich auf einer Wanderung entdecken. Die Ausmaßes dieses Berges werden einem erst bewusst, wenn man ihn erklommen hat und von oben auf die weite Fläche des Mýrdalssandurs hinunterschaut. Von hier oben lässt sich auch sehr gut erkennen, welche Massen an Material während des zuvor genannten Gletscherlaufs 2011 von der Sanderfläche Richtung Meer transportiert wurden. Und man bekommt eine Idee davon, welche Kräfte wirken, wenn das Schmelzwasser bei einem Katlaausbruch entfesselt wird.

Der Abzweig befindet sich ca. 12 km östlich von Vík und ist ausgeschildert (Karte). Mit einem normalen PKW solltet ihr nicht weiter als bis zum Parkplatz fahren, südlich des Berges besteht Gefahr, sich im Sand festzufahren. Der Weg auf den Berg ist sichtbar und kann als Rundweg gegangen werden. Plant hier ca. 2 Stunden ein.

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Mýrdalssandur

Wege des Wasser im Rahmen des Gletscherlaufs beim Katla-Ausbruch 1918

Hjörleifshöfði befindet sich inmitten des Mýrdalssandurs, einer von vielen Sanderflächen Islands und der mit 700 km² zweitgrößten der Insel. Die Sanderflächen entstanden überwiegend erst nach Ende der letzten Eiszeit, als das Land sich wieder zu heben begann, Schmelzwasserflüsse immer neues Material in die Fläche schwemmten und Vulkanausbrüche wie die der Katla dazu führten, dass sich binnen kurzer Zeit plötzlich viel Materal dort befand, wo vorher nichts war. In Folge solch massiver Gletscherläufe nimmt einerseits die Mächtigkeit der Sanderflächen zu und andererseits vergrößern sie sich. Nach dem 1918er Ausbruch der Katla war in Folge solch einer "Vergrößerung" lange Zeit die Landzunge Kötlutangi, südlich von Hjörleifshöfði, der südlichste Festlandspunkt Islands. Zwischenzeitlich hat sich das Meer jedoch Dank seiner erosiven Kräfte Teile dieses Landes wieder einverleibt.

Immer wieder aufs Neue erfolgende Gletscherläufe und Überschwemmungen führen dazu, dass es Vegetation noch schwerer hat als eh schon, sich auf den Sanderflächen anzusiedeln. Sie bleiben daher vielfach "Sandwüsten", über denen sich - entsprechenden Wind vorausgesetzt - nette Sandstürme entwickeln können. Die weiten Lupinenfelder, die gerade das Bild des Mýrdalssandurs prägen, drosseln das Problem etwas.

Lava auf dem Mýrdalssandur

Je weiter ihr gen Osten fahrt, um so mehr weichen die Lupinen einzelnen Lavabrocken, die in der Ebene ausgebreitet zu liegen scheinen. Sie sind die Überreste von Lavafeldern - das, was noch nicht vom Schwemmmaterial überdeckt wurde. Vieles stammt aus dem Ausbruch Eldgjá, der Feuerspalte, die im 10. Jahrhundert, vermutlich um das Jahr 934 ausbrach. Wenn ihr auf der Straße 211 nach Süden abbiegt, lohnt nach kurzem Abstecher ein Info-Stopp bei den Pseudokratern von Álftaver, die sehr wahrscheinlich im Zuge dieses Ausbruchs entstanden.

Laufskálavarða

Ein Stück weiter lohnt ein Stopp am Rastplatz Laufskálavarða, ein Ort mit vielen Steinmännchen und schönem Blick auf den Mýrdalsjökull. Wer hier stoppt, sollte nicht nur ein schnelles Foto schießen, sondern sich - mit Blick auf den Gletscher - vielleicht auch bewusst machen, welche Kräfte im Innern der Erde schlummern, die dazu führen, dass dieses gerade durchfahrene Stück Land - je nach Sichtweise - so fade oder interessant aussieht.

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Eldhraun - Lava aus dem Aubruch der Laki-Spalte

Nach kurzer Verschnaufpause gelangt ihr in die Region der nächsten großen Katastrophe Islands - dem Ausbruch der Lakispalte im Jahr 1783/84. Entlang der Ringstraße zeigt sie sich durch das enorme, moosüberwachsene Lavafeld, dem Eldhraun, das sich nördlich und südlich der Ringstraße bis in die Unendlichkeit auszudehnen scheint. Wer zum Ursprung dieses Lavafeldes möchte, muss kurz vor Kirkjubæjarklaustur Richtung Straße F 206 nach Laki abbiegen und ca. 45 km ins Landesinnere fahren. Wer dazu weder Zeit noch das passende Fahrzeug hat, sollte zumindest kurz am Rande des Lavafeldes stoppen und es auf sich wirken lassen. Es gibt einige Stellen, die zum Halten und Schauen vorgesehen sind. Denkt bitte daran, dass das Moos extrem empfindlich ist. Auch wenn es gleichsam wie ein kleines Wunder erscheint, dass hier binnen 230 Jahren solche Moospolster auf der Lava enstanden sind, während an anderen Stellen Jahrtausende alte Lavafelder relativ "nackt" daherkommen.

Eldhraun Eldhraun Eldhraun
Gebiet der Landbrotshólar

Die Laki-Lava überdeckt übrigens zum Teil Lava aus dem Ausbruch der Eldgjá. Letztere kommt u. a. in der Region Landbrot ein kleines Stück westlich von Kirkjubæjarklaustur wieder zum Vorschein, in Form der Landbrotshólar, Pseudokratern. Das Gebiet umfasst 50 qkm, so dass es sich um das ausgedehnteste Gebiet mit Pseudokratern in ganz Island handelt, während wir die wohl eindrucksvollsten und größten am See Mývatn in Nordisland finden.

Eldmessutangi

Unmittelbar westlich von Kirkjubæjarklaustur befindet sich im Fluss Skaftá eine ganz besondere Stelle des Laki-Lavatroms - Eldmessutangi, die Feuermessenzunge. An dieser Stelle kam der Lavastrom am 20. Juli 1783 plötzlich zum Stehen, statt weiter auf den Ort zuzurollen und ihn möglicherweise wie andere Höfe zuvor unter sich zu begraben. Die Bewohner sprachen dieses Wunder der zuvor stattgefundenen Messe zu, die als die "Feuermesse" in die Geschichte einging. Von der Ringstraße aus ist diese Stelle allerdings nicht einzusehen, jedoch vom Bergmassiv auf der anderen Seite.

Die Lavafelder aus dem Ausbruch der Laki-Spalte setzen sich östlich von Kirkjubæjarklaustur fort. Reiseinformationen zur Lakispalte findet ihr hier.

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Fjaðrárgljúfur

Sechs Kilometer westlich von Kirkjubæjarklaustur zweigt die Straße 206 Richtung Holt ab. Und selbst wer nicht zu den Laki-Kratern möchte, kann diesen Abzweig wählen und statt auf die F 206 abzubiegen, einfach geradeaus auf der 206 bleiben. Nach 3 km erreicht ihr den Parkplatz an der Schlucht Fjaðrárgljúfur. Sie ist 2 km lang und bis zu 100 m tief und beeindruckt durch die Formen, die das Wasser im Tuffgestein hinterlassen hat. Die Angaben zur Entsstehungszeit schwanken zwischen "vor 2 Mio Jahren" und "vor 9.000 Jahren". Aber egal wann, man kann herrlich daran entlangspazieren oder - wer mutig ist - sogar im Wasser des Flusses baden.

Fjaðrárgljúfur Fjaðrárgljúfur Fjaðrárgljúfur
Fjaðrárgljúfur

Inzwischen gibt es auch Toiletten vor Ort. Plant für einen Spaziergang ca. 30-60 min ein. Einige kritische Stellen sind aus Sicherheits- und Naturschutzgründen inzwischen gesperrt - haltet euch bitte an die Absperrungen, auch wenn dadurch vielleicht das eine oder andere Foto nicht mehr möglich ist, das vor Jahren noch möglich war.

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Kirkjubæjarklaustur

Ich bin diesem Ort etwas mehr als anderen verbunden, da ich ganz in der Nähe mal eine Weile gearbeitet und gewohnt habe. Dennoch ist Klaustur, wie es in der Kurzform heißt, für Reisende fast nur ein Verkehrsknotenpunkt und auf dem Weg in den Osten die letzte größere Ortschaft vor dem 200 km entfernten Höfn. Noch einmal Supermarkt, noch einmal Schwimmbad, noch einmal Arzt und Apotheke, wenn es denn sein muss. Noch einmal Bank, Post und viele Unterkünfte. Wer mag, kann hier in Busse ins Hochland umsteigen (zu den Laki-Kratern oder Richtung Landmannalaugar).

Kirkjugólf Systrafoss Blick Richtung Kreisverkehr mit Vatnajökull im Hintergrund

Viele Namen und Geschichten um den Ort stehen im Zusammenhang mit dem hier 1186 gegründeten Nonnenkloster des Benedektinerordens, das bis zur Reformation 1550 Bestand hatte. Systrafoss, Systrastapi und Systravatn sind nur einige der Namen. Der so genannte Kirchenfußboden hingegen - Kirkjugólf - hat nichts mit dem Kloster zu tun. Er ist auch nicht von Menschenhand gestaltet, sondern es handelt sich um Basaltsäulen, abgeschliffen von Meerwasser und Eis, auf die man von oben schaut. Zum Ausgangsparkplatz gelangt ihr, wenn ihr am Kreisverkehr für ein kurzes Stück auf die Straße 203 Richtung Geirland abbiegt. Es sind dann ca. 200 m zu Fuß.

Sytstravatn

Ab dem gleichen Ausgangspunkt habt ihr die Möglichkeit, hinauf auf die Klaustursheiði und dort zum See Systravatn zu wandern. Ab dem Parkplatz benötigt ihr ca. 30-45 min bis zum See. Ihr könnt dann entweder den selben Weg zurück gehen oder aber am Wasserfall Systrafoss in den Ort hinabsteigen und durch den Ort zurück zum Parkplatz gehen (ebenfalls ca. 45 min). Ein kleines Stück entfernt vom Parkplatz, immer noch an der Straße 203, findet ihr mit dem Stjórnafoss einen weiteren Wasserfall und quasi direkt nebenan mit "Kleifar" einen weiteren, wesentlich einfacheren Zeltplatz. Im Ort gibt es weitere Wandermöglichkeiten - die im Sommer geöffnete Touristinformation hilft mit Karten und Broschüren weiter. In den vergangenen Jahren wurde dort auch ein Film zu den Auswirkungen des Ausbruchs der Laki-Spalte bzw. den "Skaftá-Feuern", wie sie hier genannt werden, gezeigt.

Die offiziellen Seiten des Ortes findet ihr hier.

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